Zweites Netzwerktreffen

vom 19.09.-20.09.2017 im Freud Museum London

Peter Fonagy (Mitte) und die TeilnehmerInnen des Netzwerktreffens

Peter Fonagy: Mentalisierungskonzept und epistemisches Vertrauen

Im Rahmen des 2. Netzwerk-Treffens MentEd in London hielt Peter Fonagy einen hoch informativen und inhaltlich umfassenden Vortrag zum Mentalisierungskonzept, dem damit zusammenhängenden Aspekt des epistemischen Vertrauens und der schulischen Erziehung (Epistemic trust and attachment: A fresh look at education processes).

Dabei wurde deutlich, dass er das Mentalisierungskonzept vor allem im Bereich der zwischenmenschlichen Kommunikation und verschiedener Kommunikationstheoreme (z.B. Tomasello) ansiedelt. Interessant waren seine Ausführungen über die Entwicklung seines Verständnisses zur psychoanalytischen Theoriebildung, welche von der Vorstellung des triebhaften Subjekts bei Freud über die emotionale Verbundenheit im Sinne der Bindungstheorie Bowlbys bis hin zum Mentalisierungskonzept als eben ein Modell von kommunikativ-reziprokem Miteinander reichte.

Dabei sieht Fonagy Mentalisierung und Bindung zwar als eng miteinander verwoben aber eben nicht als grundsätzliches Bedingungsgefüge. Vielmehr versteht er Bindung adaptiv und somit als etwas, das von Menschen innerhalb von Interaktionen genutzt werden kann. Deutlich wurde diese Aussage insbesondere durch sein bindungstheoretisches Verständnis, in welchem die rein dyadische Beziehung sich immer mehr zugunsten einer sozialen Bindung innerhalb eines Systems verschiebt.

In diesem Sinne versteht Fonagy auch Erziehung als grundlegend bedeutsam. Die Aufgabe im Rahmen der Beziehungsgestaltung eines Lehrers zu seinen Schülern sollte entsprechend nicht nur darin bestehen, eine enge Bindung zu den SchülerInnen oder zu einem einzelnen Schüler aufzubauen, sondern SchülerInnen darin zu unterstützen, sensitiv gegenüber anderen SchülerInnen zu sein. Das Ziel müsse es sein, eine – wie Fonagy es nennt – “sensitive community” zu etablieren, wofür in der Schule letztlich die Lehrkräfte verantwortlich seien.

Um dies zu erreichen bedarf es einer besonderen pädagogischen Haltung, die sich insbesondere dadurch auszeichnet, dass die Schüler darauf vertrauen, dass das, was ihnen die Lehrkräfte anbieten, gut und richtig für sie ist. Das hier angesprochene epistemische Vertrauen kann gegenüber kleineren Kindern noch sehr leicht durch ostensive Hinweisreize, wie ein kurzes Lächeln oder entsprechende Gestik gewonnen werden. Insbesondere bei Kindern und Jugendlichen aber, welche sich durch ein hohes Misstrauen gegenüber neuen Interaktionen vor allem mit Erwachsenen auszeichnen, gilt es sich darum zu bemühen, dieses Misstrauen in der Kommunikation zu überwinden. Die pädagogische Haltung beinhaltet demnach auch, Lernende als Individuen anzusehen und deren Selbst, deren eigene Lernstrukturen und Zugänge zum Lernen zu erkennen und zu reflektieren.

(Axel Ramberg)
Das Freud Museum London (Ort des Treffens)
Das Freud Museum London (Ort des Treffens)
Dickon Bevington in Aktion
Dickon Bevington in Aktion

Dickon Bevington: AMBIT-Konzept

Dickon Bevington stellte in seinem Vortrag das AMBIT-Konzept vor. Das Adolescent Mentalization-Based Integrative Treatment (AMBIT) ist ein teamorientierter Ansatz zur mentalisierungsbasierten Arbeit mit schwer erreichbaren Jugendlichen, die von multiplen psycho-sozialen Belastungen betroffen sind. Durch die intensive Bindung der KlientInnen an eine/n key-worker/in, der gemeinsam mit den KlientInnen bestimmt wird, und die Fokussierung auf das Team sollen stabilisierende Faktoren gefördert und destabilisierenden Effekten entgegengewirkt werden. Mentalisierung bildet den Rahmen des Konzepts und bezieht sich neben den KlientInnen vor allem auch auf das Team und das gesamte Netzwerk, in das die KlientInnen eingebetten sind, um ein Verständnis für die Funktionalität von herausforderndem Verhalten zu ermöglichen.

(Noëlle Behringer)